Podcast-Folge 139

vom 15.08.2026

KI wird Prüfungen verändern – mit Folgen für Mutisten

Zielgerichteter Nachteilsausgleich wird wichtiger, weil Leistungsnachweise künftig immer stärker auf Kommunikation und praktische Umsetzung abstellen.

Podcast abspielen

Über mich


Ich bin Christine Winter

... und ich hatte Selektiven Mutismus, bis ich Mitte Dreißig war. 

Heute unterstütze ich Erwachsene, die ihre Sprechblockaden hinter sich lassen wollen, sowie Familienangehörige und professionelle Helfer beim Mutismus verstehen.

"Nachteilsausgleich bedeutet: Der Nachteil muss verstanden werden!  Der richtige Ausgleich ergibt sich dann von selbst."

Künstliche Intelligenz verändert aktuell, wie Prüfungen an Hochschulen geplant werden. Das wird bald auch auf weiterführende Schulen ausstrahlen und dazu führen, dass Fachgespräche, praktische Prüfungen und persönliche Stellungnahmen noch mehr Gewicht bekommen. Dafür wird wohl die Abfrage von reinem Faktenwissen weniger relevant für die Noten. 

Das betrifft dann Mutisten besonders, denn genau die Situationen, die verstärkt beurteilt werden, sind für sie am schwersten zu bewältigen.

Christine Winter teilt sieben Gedanken, die dabei eine Rolle spielen und leitet daraus ab, warum es immer wichtiger wird, beim Nachteilsausgleich den Nachteil, der ausgeglichen werden soll, wirklich zu verstehen.

"Lass uns über Sprechblockaden reden!"

sage ich immer am Anfang des Podcasts.

Aber wenn ich immer nur rede und du immer nur zuhörst, dann ist das doch sehr einseitig...

Ich finde es wichtig, dass wir über Mutismus ins Gespräch kommen und unsere Erfahrungen austauschen und gemeinsam immer mehr davon verstehen.

Und daher gibt es einmal im Jahr einen Online-Workshop, der in einer überschaubaren Gruppengröße als Gesprächs- und Lern-Gelegenheit für alle offen sind, die diesen Austausch mögen.

Sehen und sprechen wir uns dann?
Ich freu mich drauf.

Zusammenfassung der Folge

mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt

Künstliche Intelligenz verändert Prüfungen. Was bedeutet das für Mutismus-Betroffene?

Gerade verschiebt sich etwas an Hochschulen und in der Folge dann wahrscheinlich bald auch an weiterführenden Schulen. Es lohnt sich, genau hinzuschauen, denn die Änderung wird Mutismus-Betroffene direkt betreffen.

Was passiert gerade

In den Prüfungsordnungen der Hochschulen verschiebt sich der Fokus. Weg von Hausarbeiten und schriftlichen Studienarbeiten, hin zu Fachgesprächen, praktischen Prüfungen und Gruppendiskussionen. Der Grund liegt auf der Hand: Bei den bisher üblichen Hausarbeiten ist mittlerweile klar: Man kann mehr durchsetzen, dass Studenten zuhause auf künstliche Intelligenz verzichten.

Auch bei Prüfungen unter Aufsicht wird die Nutzung von KI nicht mehr grundsätzlich verboten. Es muss zwar noch geklärt werden, wie sich das konkret auswirkt. Aber die Richtung ist klar: Die Lerninhalte niederzuschreiben verliert an Gewicht, denn genau das kann Generative KI besonders gut. Also werden sich die Fragen hin zu Wissensanwendung, Erfahrung und fachlich fundierter Meinung verschieben - hin zu dem, was eine KI nicht ohne weiteres besser kann als ein Mensch mit Fachwissen.

Warum das für Mutismus-Betroffene relevant wird

Erstens: Viele Mutisten können in schriftlichen Prüfungen gelerntes Wissen gut wiedergeben. Je faktenlastiger die Aufgabe, desto weniger wirkt sich der Mutismus aus.

Zweitens: Eine schriftliche Arbeit, die man zuhause erstellt und perfektioniert, war für viele Mutismus-Betroffene eine gute Gelegenheit für ein Erfolgserlebnis.

Drittens: Hausarbeiten waren auch für Lehrer eine Entlastung. Sie hatten damit einen Nachweis für eigenständige Leistung in der Hand. Und entspanntere Lehrer machen die Schulsituation für Mutisten insgesamt entspannter.

Viertens: Mittlerweile trifft der Generalverdacht, dass in Hausaufgaben KI mitmischt, trifft alle Schüler und Studenten. Mutismus-Betroffene trifft er aber härter. Wer im Unterricht nicht sprechen kann, kann seinen eigenen Wissensstand dort nicht zeigen und wirkt oft obendrein noch gedanklich abwesend (obwohl das nicht zutrifft).

Fünftens: Die Fähigkeit, Wissen in Kommunikation oder praktischen Übungen zu zeigen, wird insgesamt noch wichtiger. Für Mutismus-Betroffene sind ihre Einschränkung in genau den Situationen am größten, die mehr Gewicht bekommen.

Sechstens: Je persönlicher eine erwartete Aussage ist, desto schwerer fällt sie Mutismus-Betroffenen. Gelerntes Faktenwissen wiederzugeben, fühlt sich vergleichsweise sicher an, wenn man weiß, dass die Antwort korrekt ist. Eigene Erfahrungen, Meinungen oder die Anwendung von Wissen auf eine unbekannte Situation sind dagegen genau das, was bei Mutisten unter Anspannung nicht mehr möglich ist.

Siebtens: Sollte KI-Nutzung bei Klausuren und Prüfungen bald auch in höheren Klassen in der Schule (oder sogar gefordert) werden - was ich für wahrscheinlich halte - wird sich das unweigerlich auf die Form dieser Leistungsüberprüfungen auswirken.

Was jetzt wichtig ist

Sorgen über etwas, das im Moment noch Zukunftsmusik ist, machen keinen Sinn. Aber ein wenig vorauszuschauen ist durchaus nicht verkehrt. Denn vieles, was wichtiger wird, schadet auch jetzt schon nichts.

Für schulische Leistungen ist oft ein Nachteilsausgleich angebracht - aber viel zu schnell wird als "Lösung" auf schriftliche Aufgaben statt den mündlichen ausgewichen.

Ganz häufig ist das aber zu kurz gesprungen, weil das gleiche Problem, das das Sprechen unmöglich macht, dann auch im Schreiben auftaucht. Daher muss genau geklärt werden, welcher Nachteil bei welcher Prüfungsform entsteht. Das Äußern einer eigenen Meinung oder Erfahrung kann schriftlich genauso schwer sein wie mündlich. "Schriftlich statt mündlich" gleicht so einen Nachteil also nicht aus.

Noch wichtiger als den akuten Ausgleich der Einschränkungen finde ich eine langfristige Strategie. Damit meine ich, dass Mutismus-Betroffene früh eine große Bandbreite an Möglichkeiten entwickeln, wie sie zeigen können, was sie wissen und können. Diese Frage sollte von der ersten Klasse an eine Rolle spielen, nicht erst in höheren Klassen oder im Studium.

Der eigentliche Nachteil ist nämlich kaum jemals das Nicht-Sprechen an sich. Es ist die Art der Fragestellung oder die Situation, in der eine praktische Leistung erwartet wird, oder der Druck durch eine Sondersituation, die nur der Mutist bekommt. Wer einen solchen Nachteil wirklich verstanden hat, findet den passenden Ausgleich fast automatisch

Schreib einen Kommentar

Weiter stöbern...

Lass uns ins Gespräch kommen.

Unser erster Kennenlerntermin für ein Online-Meeting oder für ein Telefongespräch ist kostenlos.

Ich freue mich, wenn wir miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsam herausfinden, ob und wie ich dich unterstützen kann.