Podcast-Folge 143

vom 24.10.2026

Das Du, das Wir und das Ich

Wenn die Kommunikation auf all diesen Ebenen gefühlt wird, ist sie authentisch und spontan.

 Wenn nicht, dann nicht.

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Über mich


Ich bin Christine Winter

... und ich hatte Selektiven Mutismus, bis ich Mitte Dreißig war. 

Heute unterstütze ich Erwachsene, die ihre Sprechblockaden hinter sich lassen wollen, sowie Familienangehörige und professionelle Helfer beim Mutismus verstehen.

Wenn man als Ich im Wir zu einem Du spricht, ist das die spontane Kommunikation, die die allermeisten Menschen als “normal” erleben.

 In dieser Folge teilt Christine Winter ihre Gedanken zu drei Ebenen von Kontakt, die sie "das Du", "das Wir" und "das Ich" nennt. Wenn alle drei in einer Begegnung spürbar sind, wird Kommunikation spontan, authentisch und unkompliziert. 

Für Mutismus-Betroffene geht das nicht automatisch, und eine neue Ebene kann sich zuerst sogar falsch anfühlen. 

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Zusammenfassung der Folge

mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt

In dieser Folge geht es um ein Thema, über das ich schon sehr lange nachdenke: unterschiedliche Ebenen von Kontakt und damit unterschiedliche Gefühle in der Kommunikation.
Für die allermeisten Menschen ohne selektiven Mutismus läuft das automatisch. Für Mutisten nach meiner Beobachtung nicht.

Weg von wem oder was?

Wenn Mutismus-Betroffene ihre Blockaden erklären, sagen sie manchmal, sie fühlen sich wie weg, getrennt, raus oder irgendwie nicht da. Die Frage, die mich seit Ewigkeiten umtreibt: weg von wem oder was? Ich kannte das als Mutismus-Betroffene auch und konnte es damals nicht in Worte fassen, weil mir der Vergleich fehlte. 

Meine These: Wirklich runde Kommunikation beruht auf drei Gefühlsebenen. Das ist keine wissenschaftliche Forschung, sondern mein Erfahrungswissen. Ich nenne diese Ebenen "das Du", "das Wir" und "das Ich". Wenn in einer Begegnung alle drei erfahrbar werden, entsteht spontane, authentische, unkomplizierte Kommunikation.

Das Du: spüren, dass da jemand ist

Als Erstes braucht es ein Du-Gefühl. Nur wenn man nicht nur sieht und hört, sondern auch spürt, dass da jemand anderer ist, kommt überhaupt der Impuls zu spontaner Kommunikation. 

Dabei gibt es eine fiese Wechselwirkung. Ist einer von beiden nicht richtig fühlbar (und das ist meistens der Mutist) dann ist für die ganze Begegnung die Sicherheit futsch. Dann fühlen sich Worte falsch an, und hinterher bleibt das Gefühl, dass man peinlich war.

In einem eingestimmten Austausch dagegen muss man sich um die Worte kaum kümmern. Denn Missverständnisse lassen sich mühelos korrigieren, und vieles muss auch gar nicht gesagt werden. weil man es "im Gefühl hat".

Für Mutismus-Betroffene ist schon dieses Spüren der anderen Person eine große Schwierigkeit, ihre Du-Erfahrung ist im Vergleich zu Nicht-Mutisten wesentlich störanfälliger.

Das Wir: wie eine unsichtbare dritte Figur

Bleibt man im Gespräch aufeinander eingestimmt, kommt automatisch eine weitere Ebene dazu: das Gefühl, gemeinsam "ein Wir" zu sein. Dieses Wir ist Mutismus-Betroffenen oft weitgehend fremd. 

Wer ohne Wir-Gefühl spricht, spricht zwangsläufig mechanisch. Ich bezeichne das als "funktionales Sprechen", weil man zwar Worte äußert, das aber weder als persönlich noch als stimmig empfindet. Man wird zu einer Art Wörter-Ausspuck-Automat und fühlt sich dabei ehrlich gesagt maximal schlecht. Erst im Wir-Gefühl wird Kommunikation angenehm.

Das Ich: Überraschenderweise die dritte Ebene

Man würde meinen, mit dem Ich fängt alles an. Ich glaube aber, dass erst das Wir die Stabilität und Sicherheit gibt, die Raum für das Ich-Gefühl macht. Und das fühlt sich für Mutisten dann noch merkwürdiger an als das Wir.

Als ich im Kontakt mit Fremden das Ich-Gefühl kennenlernte, war  ich schon 24 und sprach vor allem viel geübte, immer gleiche Textstellen. Momente des Wir-Gefühls hatte ich mit Fremden immer öfter, aber zu mir selbst hatte ich in Gesprächen kaum Zugang.

Und dann kam ich doch mal ins Fühlen des "Ich" - und wusste gar nicht, was mit mir los war. Das fühlte sich gleichzeitig richtig und vertraut an und total verkehrt und zu viel. Ich war mir sicher: Jetzt bin ich endgültig verrückt geworden.

Es hat wohl mehr als ein Jahr gedauert, bis ich erkannt habe: Das, was da in der Begegnung mit anderen Menschen fühlbar ist, bin ich. Dadurch hat sich die Erfahrung, die ich beim Sprechen habe, total verändert. Sprechen nicht mehr das absichtliche und planmäßige Worte-Erzeugen. Wenn ich etwas sage, dann fühlt sich das zu 100 Prozent an wie ich, ohne dass ich etwas kontrollieren oder erzwingen muss.
Als ich noch Mutismus hatte, hätte ich das niemals für möglich gehalten.

Und was ist nun die Schlussfolgerung daraus?

Eine abschließende Antwort habe ich nicht. Aber ich glaube, dass niemand lernen muss, ein Du zu spüren oder das Wir zu fühlen. Oder einüben, ein Ich zu sein. Das alles ist da, solange nicht zu viel Spannung, Überforderung oder Hilflosigkeit es überdeckt.

Das Ich ist immer da, aber die Überforderung kann so stark werden, dass es nicht mehr durchkommt. Dann hilft es, dir bewusst zu machen, dass alles okay ist, ein, zwei Mal ruhig auszuatmen und wieder zu dir zu kommen.

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