Könntest du selbstbewusst deine Stärken aufzählen, wenn dich jemand danach fragt?

Was ist eigentlich das Problem dabei, selbstbewusst über deine Stärken zu sprechen und mit voller Überzeugung zu sagen, was du gut kannst?

Stille Stärken entwickeln #1

Mal angenommen, du bist zum Vorstellungsgespräch für deinen absoluten Traumjob eingeladen. Du hast dich natürlich bestens vorbereitet und weißt alles, was es über die Aufgabe und den Arbeitgeber und das ganze Drumherum zu wissen gibt.

Und dann kommt der Moment. Dein Gegenüber sagt:

“Nun erzählen Sie doch mal, wo Ihre Stärken so liegen.”

"Äääääähm… Weiß nicht.  Keine Ahnung… 
Teamfähigkeit, vielleicht? Und ich bin ganz gut organisiert, glaub ich."


Während du anschließend das Bürogebäude verlässt, könntest du dich ohrfeigen.

Was war das denn? So ein Gestotter und Gestammel - dabei  war doch damit zu rechnen, dass so eine Frage kommen würde.

Wenn du doch nur mehr Selbstbewusstsein hättest…

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“Mehr Selbstbewusstsein” ist ein Wunsch, mit dem du nicht allein bist

Auch Leute, die aus deiner Sicht vor Sicherheit strotzen und von außen betrachtet mit Stärken bestens versorgt sind, wünschen sich, wenn man sie danach fragt, mehr Selbstbewusstsein. Das ist offenbar ein Thema, mit dem wir fast alle ein Thema haben. :-)

Und wenn du eher zurückhaltend bist, kommt noch ein Problem hinzu: Du magst eh nicht so gerne über dich sprechen… Da ist es ganz schön viel verlangt, wenn du mit Überzeugung  sagen sollst, dass du etwas besonders gut kannst. Denn dass gerade du - ja, dich meine ich - sehr viele Stärken hast, käme dir selbst im Leben nicht in den Sinn.

Ich glaube, wir sollten mal einige von den Überzeugungen und Eigenheiten näher betrachten, die Menschen im Bezug auf Selbstbewusstsein und Stärken haben...

Das Problem mit dem Selbstbewusstsein ist...

  • Du vergleichst dich mit Anderen
    Und in diesem Vergleich schneidest du immer schlecht ab. Denn das, was du bei jemandem zu sehen kriegst, ist das, was diese Person gerne von sich sehen lässt - also höchstwahrscheinlich eine Stärke.
    Dich selbst kennst du mit allen Ecken, Kanten, Schwierigkeiten, Unsicherheiten - und vor allem: Mit jedem einzelnen Fehler, den du jemals gemacht hast.
    Bei der Person, die du beneidest, kennst du all die Schwierigkeiten und Unsicherheiten nicht (weil dir niemand freiwillig zeigt, wenn er unsicher oder überfordert ist). Kurz gesagt: Wenn du jemanden bewunderst, bewunderst du nur die Stärken.
    Wenn du dich selbst im Vergleich dazu siehst, siehst du vor allem deine Probleme oder die Fehler, die du bereits gemacht hast

  • Kollegen und Freunde erwarten offenbar einiges von dir
    Aber du weißt gar nicht, wie die darauf kommen…
    Im Beruf oder Studium traut man dir eine Menge zu. Viel mehr als du dir selbst zutraust. Irgendwie sehen die Leute um dich herum etwas in dir, was du in dir selbst nicht erkennen kannst.
    Das liegt einerseits daran, dass von deinen inneren Kämpfen und den ganzen Unsicherheiten keiner außer dir selbst etwas weiß. Andere sehen nur deine Resultate und sind beeindruckt.
    Und zum anderen bist du für deine wirklichen Stärken selbst komplett blind. Du bist da wie ein Fisch im Wasser. Also ungefähr so:
    Ein Fisch schwimmt an einer Gruppe anderer Fische vorbei und sagt: “Wie findet ihr das Wasser heute?” - Die anderen Fische schauen sich verblüfft an und fragen einander: “Was ist denn Wasser?”

  • Du hast die Fehlerbrille auf
    Das ist nicht verwunderlich. Denn spätestens ab der ersten Klasse gab es in deinem Leben immer Menschen, die dir aufgezeigt haben, wenn du etwas falsch gemacht hast. Deine Lehrer, Ausbilder, Chefs, Kollegen und von Zeit zu Zeit wahrscheinlich auch die besten Freunde haben dich darauf hingewiesen, wenn etwas nicht richtig war.
    Und gute Lehrer, Chefs und Freunde weisen natürlich auch darauf hin, wenn du gute Ergebnisse erzielst. Aber ehrlich gesagt kommt Lob und positives Feedback viel zu kurz. Und bei mir hier in Süddeutschland gibt es den Spruch: “Ned g’schimpft is g’lobt g’nug.”
    Wenn das auch in deinem Umfeld so ist, dann hast du schon enorm viel über deine Fehler und Unsicherheiten zu hören bekommen - und recht wenig über das, was du gut gemacht hast oder generell einfach gut kannst.

  • Du müsstest “erst mal aus dir rauskommen”, um etwas erreichen zu können.
    Dahinter steckt die Idee, du müsstest ganz anders sein, um das zu erreichen, was du möchtest. Weil es ja bisher noch nicht geklappt hat, so wie du bist.
    Da verrate ich dir jetzt ein Geheimnis: Wenn du aus dir raus gehst, ist niemand mehr in dir drin. :-D
    Daher macht es überhaupt keinen Sinn, wenn du versuchst, nicht mehr du zu sein.
    Die einzig sinnvolle Lösung ist, ganz und gar du zu sein und mit dem was du bist und kannst an dem zu arbeiten, was du erreichen willst.

  • Wenn es darum geht, zu zeigen, was du kannst, verfängst du dich schnell in unendlichen Denkspiralen
    Es gibt so viele gute Gründe, warum du jetzt noch nicht so weit bist oder deine Leistung noch nicht perfekt ist oder...
    Und bist du dich umsiehst, ist wieder ein Tag vorbei, an dem dich die Aufschieberitis am Wickel hatte.
    Gerade bei den Aufgaben, mit denen du im Job oder im Studium, im Familienkreis oder in deinem Sportverein glänzen könntest, brauchst du unendlich lange, um anzufangen (und wirst dann - weil “auf den Punkt abliefern” eine deiner besonderen Stärken ist - nach ewig langer Selbstquälerei doch ganz genau in der allerletzen Minute fertig).

  • Du verhältst dich abweisend in Begegnungen mit anderen (die in deinen Augen "besser" sind)
    Bevor du dich in einer Gruppe hervortust, tust du lieber so, als ob dich das alles nicht sooo sehr interessieren würde. Sollen die anderen mal machen, denn die können das bestimmt eh viel besser. Wenn du dich komplett raushältst, kann dir nichts passieren.

  • Du bleibst still, obwohl du etwas beitragen könntest
    Klar hast du in einer Besprechung, einer Gruppenarbeit, dem Abteilungsmeeting oder einem Seminar eine Meinung - aber die lässt du vorsichtshalber niemanden wissen. Denn wenn du sagst, was du denkst, könnte jemand anderer etwas völlig anderes denken und dich in eine Diskussion verwickeln. Und während Wissen durchaus zu deinen Stärken gehört, ist Durchsetzungskraft in Auseinandersetzungen vor Publikum nicht so dein Ding.
    Also willst lieber erst gar nicht die Aufmerksamkeit der Gruppe auf dich ziehen.

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Gut gemeinte Vorschläge...

Na, hast du dich in den Problemen mit dem Selbstbewusstsein irgendwo wiedererkannt?

Dann hast du möglicherweise schon von den Menschen um dich herum die eine oder andere mehr oder weniger unverblümte Empfehlung bekommen. 

Oder deine eigene innere Stimme sagt sie dir immer wieder und du brauchst gar keine andere Person, um dir Sachen zu sagen wie:

"Komm doch mal mehr aus dir raus."

Aus dir raus gehen würde nur die Unsicherheit oder Unbeholfenheit verstärken, die du eh schon empfindest.

Da sind einige Gefühle, die unangenehm sind und verhindern, dass du dich mehr zeigst und in den Vordergrund stellst - also sowas wie ganz diffuse Ängste oder auch die ganz konkrete Sorge, mit anderen verglichen zu werden (und dabei nicht gut abzuschneiden).

Oder eine Unbeholfenheit, die zwar außer dir selbst niemand wahrnimmt - aber die dich davon abhält, mit deinen Fähigkeiten zu glänzen.

Oder du bist in dem Moment, wo man jemand von deinen Stärken profitieren würde, müde. 

Weißt du was?

Das ist ganz okay so.

Du bist genau so, wie du bist, genau richtig!

Deine Stärken sind das, was dir leicht fällt und ohne Mühe oder Überwindung entsteht. Daher ist dir wahrscheinlich komplett unbewusst, dass das für andere Leute weniger leicht und mühelos ist.

Wenn du anders wärst, wärst du nicht du.
Und wenn du aus dir raus gehen würdest, wäre niemand mehr in dir drin.

"Zeig doch, was du kannst."​​​​​

Die Stärken sind schon da - du siehst sie (bei dir selbst) aber nicht.

Denn echte Stärken sind für dich selbst “kein Ding”. Was du selbst gut kannst, ist selbstverständlich für dich.

Bei mir ist es zum Beispiel der Umgang mit dem Computer so selbstverständlich wie ein- und ausatmen. Und wenn ein Bild oder eine Grafik am PC bearbeitet werden soll, dann habe ich nicht eine Idee, wie das funktioniert, sondern gleich eine ganze Handvoll.

Dann lege ich los und quatsche die Menschen um mich herum mit Features von Bildbearbeitungsprogrammen und Apps voll und mache ganz nebenbei mal eben vier verschiedene Beispiele, wie das Bild aussehen könnte.

Für mich selbst ist das nicht der Rede wert. Leute, die den Computer nur bedienen, wenn sie ihre Mails lesen wollen und für die Grafik ein völlig fremdes Terrain ist, sind schon völlig überwältigt, wenn ich ihnen nur zeige, wie ein Grafikprogramm aussieht.

Wenn du mich nach meinen Stärken fragst, fällt mir garantiert nicht ein, dass ich gut in Grafik-Zeugs bin. Für mich ist das so simpel - das kann doch bestimmt jeder...

"Du kannst es doch... - Warum bist du denn so zurückhaltend?"

Zurückhaltung hängt mit Können ungefähr so zusammen wie dein Lieblingsessen mit deinem Schulabschluss.

Wenn du eine zurückhaltende Persönlichkeit bist bzw. hast, dann kannst du natürlich auch weniger Zurückhaltung zeigen - aber sobald du die freie Wahl hast, ziehst du es doch wieder vor, dich zurückzuziehen. Das ist eine Vorliebe und kein unabänderlich feststehendes Verhalten. Und ich bin mir sehr sicher, dass es Situationen gibt, in denen man dich weniger zurückhaltend erleben kann.

Deine Fähigkeiten hast du dir im Laufe der Jahre angeeignet und kannst darauf zurückgreifen, wann immer du sie brauchst. Das heißt aber noch lange nicht, dass du sie öffentlich zur Schau stellen möchtest.

Persönlichkeitseigenschaften und erlernte Fähigkeiten haben einen extrem geringen Zusammenhang. Alles, was du kannst, hast du schließlich gelernt, obwohl oder weil du zurückhaltend bist.

Um es am Beispiel mit dem Lieblingsessen zu erklären:
Du hättest zwar keinen Schulabschluss machen können, wenn du jahrelang überhaupt garnichts gegessen hättest. Aber es war nicht besonders ausschlaggebend, ob du immer dein Lieblingsessen bekommen hast oder eher das gegessen hast, was halt gerade da war. (Vielleicht war der eine oder andere Salat sogar sinnvoller als immer Currywurst mit Pommes...) 

"Du brauchst dich doch nur selbstbewusst so zu zeigen, wie du bist. Ganz einfach."

Nein, ganz so einfach ist das nicht.
Wenn es so einfach wäre, würdest du ja einfach selbstbewusst sein.

Es macht aber Spaß, das Selbstbewusstsein zu erweitern und mehr von dem zu zeigen, was dich ausmacht. Dafür gibt es eine Reihe von Methoden, die mit humorvollen Gedankenspielereien und phantasievollen Umdenk-Übungen dein Bewusstsein für dich selbst und deine Stärken hervorkitzeln.

Ein Beispiel dafür?​

  • Deine innere Stimme sagt dir, dass du etwas verkehrt machst. Und typischerweise sagt diese Stimme in deinem Kopf etwas wie "Du bist zu ..." oder "Du müsstest mehr ..."
  • Nimm die Ansicht der inneren Stimme zur Kenntnis - aber ohne den Inhalt zu hinterfragen. Die Stimme in deinem Kopf hinterfragt ihn nämlich auch nicht, sondern wiederholt ihn aus purer Gewohnheit bei jeder sich bietenden Gelegenheit.
  • Wenn du dir die Worte deiner inneren Stimme bewusst gemacht hast, kommt die Umdenk-Aufgabe:
    Denk die Worte so, als ob ein Tonband mit doppelter Geschwindigkeit laufen würde. Die Stimme wird ganz hoch und piepsig und hektisch. Und sie wiederholt in einem Affentempo den Nörgelsatz fünf oder zehn mal.
    Und dann: Mach das Tonband gaaaaaanz laaaaaaaaaaaaaangsam. Die Nörgelstimme wird tief und gedehnt und resigniert. Und sie wiederholt den Nörgelsatz mühsam mindestens fünf mal.
  • Wenn du dir den Satz jetzt wieder in normaler Geschwindigkeit denkst, dann kannst du dich fragen, ob es stimmt, dass du "zu ..." bist oder "mehr ..." müsstest.
    Wenn ja: Mach es.
    Wenn nein: Lass deine innere Stimme beim nächsten Genörgel selbstbewusst wissen, dass sie ein Update braucht.

"Nun komm endlich raus aus deinem Schneckenhaus!"

So gut der Satz auch gemeint ist - er macht überhaupt keinen Sinn.

Denn der Sinn des Schneckenhauses ist, dass du darin geschützt bist. Wenn du aus dem Schutz herauskommen würdest, wärst du... eine Nacktschnecke???
Das macht nun auch nicht gerade ein gutes Selbstwertgefühl, oder?

Es ist eher anders herum. Geh ruhig immer dann in dein Schneckenhaus hinein, wenn du deine Ruhe und ein wenig Abstand von den Leuten brauchst. Wenn du dann erholt und frisch bist, kannst du deine Stärken zeigen und dich von deiner besten Seite präsentieren. Und um gut auszusehen, musst du nie ganz aus dem Schneckenhaus heraus. Es reicht völlig, wenn du deine Fühler ausstreckst und dein Gesicht mit einem freundlichen Lächeln zeigst.

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 Du siehst schon - über das Selbstbewusstsein gibt es eine Menge Missverständnisse und Fehleinschätzungen.

Gut möglich, dass du ein paar von den Problemen mit der Selbsteinschätzung schon aus eigener Erfahrung kanntest und ein paar von den freundlich gemeinten Sätzen von anderen zu hören bekommen hast.

Die gute Nachricht ist:
Am selbstbewussten Stärken-Zeigen kannst du arbeiten.

Du musst dazu kein anderer Mensch werden. Du musst dazu nicht in ständiger Überforderung leben. Du kannst mit all dem anfangen, was bereits da ist und es dann bewusst und mit Überzeugung einsetzen.​​

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